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Kommentar

Auf dem Weg zum Überwachungsstaat?

Johannes Gaisfuss

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Foto: YNA Montage

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser! So will es zumindest ein uraltes und ungeschriebenes Gesetz. Und es hat keine Spur an Aktualität verloren – gerade heute ist es vielleicht präsenter denn je. Grund dafür ist, wie so oft, die Corona-Krise. Geschickt hat die Politik einiges an Chaos überspielt. Doch der vermeintliche Kern des Pudels ist noch verwahrt und nur unterschwellig angetrieben worden. Jetzt stellt sich die Frage: Sind wir auf dem Weg zu einem Überwachungsstaat? 

Kommentare entsprechen nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion.

Bekanntermaßen werden Themen, welche die Bevölkerung in Aufruhr versetzen könnten, meistens „im Hintergrund“ ausgearbeitet und wenn es dann tatsächlich soweit sein sollte, ist es zum Einlenken bereits zu spät. Dass könnte auch jetzt so sein. Immer mehr Anzeichen sprechen dafür und doch sind sie noch hauptsächlich unentdeckt – doch würden die Wenigsten der Behauptung, auf einen „Überwachungsstaat“ zuzusteuern, zustimmen. Doch es gibt gute Gründe, welche zumindest zum Nachdenken anregen sollen. 

Alles nur ein Vorwand? 

Seit dem Beginn des Lockdowns in Österreich, ist es immer weniger gern gesehen, mit Bargeld zu bezahlen. Während es in kleineren (Einzel-)Unternehmen teilweise noch weniger etabliert ist, mit Karte zu bezahlen, haben fast alle großen Handelsketten bei der Kassa einen Hinweis kleben, „aus Gründen des Selbst- und Fremdenschutzes“ möge man die Rechnung mit Bankomatkarte begleichen. Klingt doch sinnvoll, oder? Nun ja, auf den ersten Blick vielleicht. Denn auf den zweiten eher nicht. Fakt ist, dass das Virus eigentlich gar nicht mit dem „richtigen“ Geld übertragen werden kann. Warum aber macht man das? Die Antwort ist so simpel wie erschreckend: Bezahlt man seine Einkäufe bargeldlos ist es einfacher, die Einkaufsvorlieben eines jeden zu kontrollieren. Freilich ist es viel bequemer, die Anschaffungen mit einer Karte zu bezahlen, doch wer will schon, dass Handelsketten oder die Politik über wirklich jeden Einkauf informiert sind? 

„Gut“, darf man sich jetzt denken, „das sind nur Spekulationen“. Doch hat man schon in irgendeiner Form darüber nachgedacht, warum man sich als Gast bei Restaurantbesuchen registrieren muss? Angeblich um „Corona-Cluster“ eruieren zu können. Mal angenommen, es würde jede Besucherin und jeder Besucher seine richtigen Daten angeben, so wäre die Regierung darüber informiert, welche Lokale oder Gaststätten wir gerne besuchen. Auch wenn die angegebenen Daten nach ein paar Monaten wieder gelöscht werden müssen, so ist es wahrscheinlich ähnlich wie im Internet: Was einmal registriert wurde, kann kaum oder nicht mehr gelöscht werden. Allerdings scheint diese Idee sowieso verwerflich, da sich viele Personen mit falschen Daten eintragen werden.

Die „Corona-App“

Daher gibt es noch eine andere Möglichkeit: Die Verwendung von eigenen Apps des Gesundheitsministeriums. „Man kann niemanden zwingen, sich eine App auf’s Handy zu laden, aber man kann natürlich sagen: ,Wenn ihr diese App nicht am Handy habt, dann kann man eben gewisse öffentliche Bereiche nicht mehr besuchen’“, so Mario Pulker, Gastronomieobmann der Wirtschaftskammer Österreich (WKO), gegenüber dem Radiosender „Ö3“. 

Grundrechte ade, Freiheit ade?

Eine App des Gesundheitsministeriums gibt es ja bereits, die „Stopp-Corona“-App. Und ausgerechnet diese war immer wieder in der Kritik, persönliche Daten weiterzugeben. Diese Vorwürfe wurden allerdings fleißig dementiert. Und dennoch, von den (bereits behobenen) technischen Problemen mal abgesehen, wundert man sich, warum nur 800.000 Menschen die „ach so tolle App“ heruntergeladen haben. Aber es ist doch die Spitze des Eisberges, wenn man nun bestimmte Programme benötigt, nur um ein Restaurant, ein Konzert oder sonstige Veranstaltung besuchen zu dürfen! Dieser Gedanke macht unruhig – auch im Hinblick auf persönliche Daten und deren mögliche Weitergabe. 

Ein weiterer Punkt, welcher die Gemüter spaltet, ist jener der Urlaubsort-Bekanntgabe. Warum will man unbedingt in manchen Unternehmen und staatlichen Institutionen wissen, in welchem Land die Mitarbeiter residieren? Egal, in welcher Destination man seine Ferien verbringt, man wird nirgendwo sicher vor dem Corona-Virus sein. Von daher sollte es also doch egal sein, oder? Offensichtlich ist es aber nicht egal. Im Gegenteil, eine solche Bekanntgabe schafft erneut eine Grundlage für eine dauerhafte Überwachung. Des Weiteren wird diese auch im wahrsten Sinne des Wortes „ohne Grenzen“ sein. Die Frage ist: Wollen wir überhaupt, dass Politik und die Arbeitgeber permanent wissen, wo wir uns aufhalten oder es uns gar im schlimmsten Fall vorschreiben? Oder vielleicht sogar mit der Kündigung drohen? Soweit kann es einfach nicht gehen. Das wäre eine schwere Verletzung unserer Grundrechte. 

Dass es aber die Regierung nicht ganz so genau nimmt, wenn es um Rechte des Individuums geht, ist aber seit Beginn des Lockdowns bekannt. „Soviel Freiheit wie möglich, soviel Einschränkung wie notwendig.“ Kanzler Kurz’ Motto gilt immer noch – zumindest hat er vor Kurzem wieder in einem Tweet darauf aufmerksam gemacht. Erschütternd ist nicht aber dieser Slogan, sondern eher, wenn man sieht, wie viele Menschen diese Ansicht für gut befinden. Denn zwischen den Zeilen schimmert schon ein Funken vom Überwachungswillen. Aktionen wie die angedachten Hausdurchsuchungen ohne Beschluss zu Ostern oder die neue Corona-Ampel, die mittlerweile auch schon einiges an Kritik einstecken durfte: Wenn wir nicht aufpassen, dann könnte es sein, dass wir in den nächsten Jahren wirklich eingeschränkt sind, auch wenn jede und jeder schon gegen das Virus geimpft sind. 

Geringe Zahlen

Abgesehen davon haben wir, bezogen auf die Gesamtbevölkerung, vergleichsweise wenig Corona-Fälle beziehungsweise Covid-Tote. Außerdem hat Österreich ein sehr gutes  Gesundheitssystem, welches zu keinem Zeitpunkt seit dem Auftreten des Virus in unserem Land überlastet war. Warum also wird so ein Drama aus der Corona-Krise gemacht, oder, besser gesagt: eine Krise aus dem Corona-Virus? Des Weiteren sind wir auch ständig von Keimen umgeben und haben uns bisher gut arrangiert, mit ihnen zu leben. Man bedenke an dieser Stelle auch, dass Viren sogar teilweise überlebensnotwendig sind. Warum also sollte es unser Körper nicht auch schaffen, mit dem Corona-Virus zu leben? Selbst durch unzählige Einschränkungen wird das Virus aber ständig unter uns sein! Und dass müsste die Politik eigentlich auch wissen.

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LASK, warum nur, warum?

Johannes Gaisfuss

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YNA Montage: Fotos: Wikimedia Commons / Werner100359, Pexels / CDC, Getty Images Pro / Pixfly

Die diesjährige Bundesliga-Saison ist zu Ende gespielt. Salzburg ist wie erwartet Meister geworden, wenn es auch Anfang des heurigen Jahres noch anders ausgeschaut hat. Damals war der Linzer ASK Tabellenführer, dieser jedoch hat das Zepter aufgrund der Missachtung einer wichtigen Corona-Regel abgeben müssen. 

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Seit dem 28. Juni ist es fix – der FC Red Bull Salzburg ist zum erneuten Male der neue und alte Meister. Alle, die sich zumindest ein bisschen mit dem österreichischen Fußball auseinandersetzen, wissen, was das bedeutet. Richtig – Spott, Unzufriedenheit und allerlei andere (durchaus harte) Gehässigkeiten auch von den Fans anderer Vereine. Vor allem im Netz bekommt man dies immer öfter mit. Zeilen wie „[…] Dass es keinen Arsch interessiert, dass Salzburg Meister wird“ oder „Nicht einmal das eigene Personal freut sich über den Titel“ sowie „Geld regiert die Bundesliga: Verbannt die Bullen aus der Liga“  sind über die sieben Meisterjahre angestiegen. Kleiner Faktencheck noch: Das Team rund um den Fußballklub freut sich jedes Mal ausgelassen über den Titel, dazu gibt es Aufnahmen. Genauso auch die Fans, wenn auch heuer leider nicht im Stadion.

Umsonst wird man nicht Champion …

Es gibt genug Gründe, warum Salzburg am Ende auf dem obersten Treppchen steht und nicht jemand anderer. Ein mit guten Spielern gespickter Kader, eine über Jahre hinweggehende ausgeklügelte Transfer- und Budgetpolitik sowie eine starke Mentalität sind nur einige Gründe, warum der Klub tolle Ergebnisse einfahren kann. Und warum hat Salzburg soviel Geld? Nicht nur aufgrund ihres Sponsors, wie man vermuten möchte, sondern durch hochqualitative Transfers! Darüber hinaus hat der FC Red Bull Salzburg auch eine grandiose Saison gespielt, mal abgesehen von der eher schwachen Schlussphase des Grunddurchgangs der heurigen Bundesliga. Und da wären wir auch beim nächsten Punkt: Kein Verein hat es geschafft, in dieser Zeit dem damaligen Tabellenführer nahezukommen und einen Vorteil daraus zu ziehen. Außer der LASK, dieser nutzte die Gunst der Stunde und lag lange einige Punkte vor den Salzburger „Bullen“. Doch dann kam die Corona-Krise. Als später wieder Kleingruppentrainings zugelassen wurden, missbrauchte der oberösterreichische Verein dies und führte vier Mannschftstrainings durch. Blöderweise sind sie dabei erwischt worden, ironischerweise nahezu zeitgleich zum ersten Jahrestag des Ibiza-Videos. Und zack, Punkteabzug für die Linzer und Salzburg war wieder an der Spitze. Diese verteidigten sie mit einer torreichen Rückrunde – und dürfen sich jetzt also zurecht zum siebenten Male Serienmeister nennen. 

Konsequentes Vorgehen? Wohl eher nicht… 

Und der LASK ist sauer, immerhin hat er ja sich selbst um die schon ziemlich sicher geglaubte Meisterschaft gebracht – die erste seit 1965. Drakonische Strafen wurden seitens der anderen Bundesligisten, aber auch von einem enttäuschten Gesundheitsminister Anschober gefordert. Neben der Geldstrafe und des Punkteabzugs standen auch ein Zwangsabstieg, ja sogar ein Ausschluss aus dem Österreichischen Fußballbund ÖFB zur Debatte. Und was wird letztendlich für eine schwere Missachtung der Corona-Regeln vergeben? Sechs Punkte Abzug und eine Geldstrafe, welche sich auf 75.000 Euro beläuft. Der LASK ist glimpflich davongekommen, wenn man das so formulieren kann, denn es hätte schlimmer kommen können. Und später ist die Bundesliga noch so freundlich und gibt noch zwei Punkte zurück. Und das bitteschön soll das konsequente Vorgehen der Liga sein, welches Minister Rudolf Anschober sich erwartet hat? Daran kann man nur zweifeln. Ich frage mich, welche Strafe ich erhalten hätte, wenn ich nur einmal derartig gegen die Corona-Maßnahmen verstoßen hätte. Gewiss wäre ich für mein Vergehen aber nicht auch noch fast belohnt worden. Egal, wie man der ganzen Causa nach fast zwei Monaten seit dem Vorfall gegenübersteht, Fakt ist, dass konsequentes Vorgehen mit hoher Wahrscheinlichkeit anders aussieht. 

Warum nur, warum?

Doch die eigentliche Kernfrage ist doch, warum man eine ohnedies schon milde Strafe bekommt, welche dann nochmals erleichtert wird. In welchem Land leben wir denn!? Während jede andere Österreicherin und jeder andere Österreicher hoch für das kleinste Vergehen bestraft wurde, wurde das Vergehen beim Linzer ASK am Ende nahezu noch belohnt. Und warum muss man sich dem amtierenden Meister so gehässig gegenüber verhalten, nur weil der eigene Herzensklub nicht auf Platz eins gelandet ist?

In diesem Sinne richtet sich mein Appell an die österreichische Fußball-Bundesliga sowie alle Hassposter, egal ob gegen den FC Red Bull Salzburg oder andere Vereine: Gerechtigkeit muss immer präsent sein! Wir alle wollen gerecht behandelt werden, darum muss man auch verlangen können, dass Strafen nicht ins Lächerliche gezogen werden und gerecht verteilt sind – sowie Erfolge anerkannt, nicht abgewertet und nicht mit Hasspostings und -nachrichten versehen werden! 

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Gastkommentar

Die Regierung – eigentlich den Bürgern verschrieben

Markus Breitenlechner

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Foto: Bundesministerium für Finanzen

Man weiß nicht, was momentan los ist. Schon ein wenig politische Verdrossenheit und die Aufmerksamkeit lässt nach. Permanent regierungstreue Bürger würden sagen es ist eh alles okay. Doch aktuelle Vorkommnisse lassen Zweifel aufkommen.

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So kommt in etwa das erste Thema: Der Ibiza-Untersuchungsausschuss. Natürlich waren Bundeskanzler Sebastian Kurz und Finanzminister Gernot Blümel nicht die einzigen Gäste, doch neben Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka sind sie letztens im U-Ausschuss die brisantesten Anwesenden gewesen.

Laut der Tageszeitung „Der Standard“ betonte der Bundeskanzler während seiner Befragung vor den Abgeordneten 29 Mal, sich nicht an Gefragtes erinnern zu können. Getoppt wurde diese Leistung nur vom Bundesminister für Finanzen, Gernot Blümel. Der Wiener berief sich auf ganze 86 Gedächtnislücken. Die Absurdeste davon scheint die Antwort auf die Frage, ob er einen Laptop besitze. Denn auch dabei bezog er sich auf Gedächtnislücken. „So ein junger Mensch, der sich an nichts erinnern kann. Ich mache mir Sorgen um die Finanzen in Österreich“, kommentierte NEOS-Mandatar Helmut Brandstätter auf Twitter. Und wenn sich einer der Regierungsmitglieder nicht mehr zu helfen wusste, sprang der Vorsitzende Sobotka ein und betonte, dass jeweilige Fragen nicht Verhandlungsgegenstand wären.

Die zweite Unzumutbarkeit, die diese Woche von statten ging, ist die Causa Bundesheerreform. Das in der Übergangsregierung von Offizier Thomas Starlinger geleitete Ressort der Verteidigungspolitik kündigte noch im vergangenen Jahr gesteigerte Investitionspläne an, welche nun über den Haufen geworfen werden. Bundesministerin Tanner betonte am Montag, dass auf weniger schwere Schusswaffen gesetzt wird, dass Kasernen geschlossen werden – und vieles mehr. Daraufhin hat der Oberbefehlshaber des Bundesheer, Bundespräsident Alexander van der Bellen, sofort die nötigen Schritte eingeleitet, um mit der Ministerin Kontakt aufzunehmen. Am Donnerstag dann, bewies sie in der ZiB 2 mangelnde rhetorische Kompetenzen und ruderte zurück, es würden keine Kasernen geschlossen werden. Dem Ganzen setzte sie durch unnötige Aussagen noch eine Spitze auf, wie in etwa das mehrfache Betonen ihres vorhergehenden Besuches in der Steiermark oder, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt gerne bereit ist ein weiteres Interview zu geben, in dem wirkliche Informationen fließen würden. Rhetorikkurs à la Landesrat Tilg. Doch dann kam das Interview mit ihr im Radiosender Ö1. Dort gab es keine inhaltlich relevanten Aussagen. Sinngemäß zusammengefasst betonte sie, dass sie das Regierungsprogramm der Bundesregierung Kurz II und die Bundesverfassung für gleichwertig hält. Sie bewies jedoch, jetzt zu wissen, was der Unterschied zwischen einer Garnison und einer Kaserne ist.

Dies wäre aber eigentlich eine Grundkompetenz einer Ministerin für Verteidigung, genau wie die Dienstgrade. Man kann argumentieren, dass die Frau Verteidigungsministerin niemals eine Tätigkeit in der Landesverteidigung ausführte, doch dabei gibt es zwei sehr schmerzhafte Fakten. Zum einen sollte ein Minister über Grundwissen seines Ressorts verfügen, zum anderen ist es eine Zumutung, eine fachinkompetente Person an die Spitze eines Ministeriums zu stellen.

Als Spitze des Eisberges ist anzumerken, dass für die Österreichische Volkspartei die Aussage „widerwärtiges Luder“ offenbar in Ordnung, doch die Wiener Redensart „des is Oasch“ zu verurteilen sei.

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Kommentar

White Saviourism – Helfen für das gute Gewissen

Caroline Bischof

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Foto: Pxfuel

Wenn weiße Europäer und Amerikaner in den Süden reisen, um dort an Entwicklungsprojekten zu arbeiten, erklingen lobende Worte für die vermeintlichen Retter der Armen. Leider ist das, was den örtlichen Communities von den Weltverbesserern übrigbleibt, oft nur der bittere Nachgeschmack von Selbstinszenierung und Rassismus.

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Die Matura ist in der Tasche, das Studium abgeschlossen, die Scheidung beendet – ein idealer Zeitpunkt, um noch schnell die Welt zu retten. Glücklicherweise hat der weiße Weltverbesserer es heutzutage hier einfacher als seine Vorfahren. Kolonialismus ist out, das neue Stichwort heißt „Freiwilligenarbeit.“

Unzählige Organisationen bieten Programme zur zeitlich begrenzten Arbeit in fernen Ländern. Von Kinderbetreuung über Krankenpflege bis hin zu Naturschutz und Bauprojekten gibt es für jedes Budget die passende Gewissenserleichterung; Anreise, Verpflegung und Krankenversicherung selbstverständlich inklusive. Mit im Gepäck ist selten eine fachliche Ausbildung, umso öfter aber die Kamera (für ein inspirierendes Instagramfoto inmitten dankbarer Kinder), ein krampfhaft „afrikanisches“ Outfit und der sogenannte White Saviour Complex (deutsch: Weiße Retterin- bzw. Weißer Retter-Komplex).

Der White Saviour Complex

Hinter dem White Saviour Complex steckt das Phänomen, wenn Weiße, meist Amerikaner oder Europäer in Länder reisen, die südlich des Äquator liegen, um die dort heimische Bevölkerung zu „retten“ oder ihre Situation zu verbessern und gleichzeitig sich selbst als edle, weiße Retter und Helden darzustellen – vorzugsweise auf Instagram, Facebook und Co. Die Problematiken bei diesem Konzept sind zahlreich und haben, so unangenehm dieser Gedanke auch ist, ihre Wurzeln im Rassismus.

Programme und Bilder dieser Art befeuern die landläufigen Stereotypen, wonach afrikanische Länder unterentwickelt und hilfsbedürftig sind und den westlichen Ländern damit zwangsläufig unterlegen. Weiße werden zu Helden und Heldinnen der Schwarzen; ein Narrativ, das so alt ist wie die Zeit. Wer nun immer noch den Kopf schüttelt und denkt „Nein, ich bin kein Rassist, ich will wirklich helfen!“, dem hilft vielleicht der folgende Gedankengang auf die Sprünge:

Dem Konzept der freiwilligen Entwicklungsarbeit liegt die zutiefst rassistische Annahme zugrunde, ein jeder Weißer, selbst ohne jedwede fachliche Ausbildung oder Ortskenntnis, könne die geforderte Arbeit besser erledigen als die lokale, meist schwarze, Bevölkerung.

Gefährliche Hilfe

Dabei sind die White Saviours oft trotz guter Intentionen nicht hilfreich und, im schlimmsten Falle, sogar gefährlich. Seit einigen Jahren nimmt mit der Anzahl der Instagram-Influencer auch die Berichterstattung über die Freiwilligenarbeit in verschiedenen Ländern zu. Wer genau hinsieht, wird dann zwischen Fotos von tanzenden Kinder, Geschichten, die auf die Tränendrüsen drücken und langbeinigen, weißen Frauen mit Trommeln am Schoß, auch vereinzelte, kritische Berichte finden, meist aus der Perspektive der Landesbewohner geschriebenen. Sie erzählen von Helfern, die ohne Bauerfahrung versuchen, Schulen aufzubauen – und deren Arbeit oft stillschweigend in tiefster Nacht von lokalen Bauarbeitern repariert wird, um den Erfolg des Programmes nicht zu gefährden.

Neben solchen, schon fast komisch anmutenden Geschichten, gibt es dann auch die tragischen. Eine davon ist der Fall der Amerikanerin Renee Bach. Die 18-Jährige gründete 2009 eine NGO in Uganda unter dem Namen „Serving His Children“ (SHC), die es sich zum Ziel gesetzt hatte, Mangelernährung bei Kindern und andere Folgen der vor Ort herrschenden Armut zu bekämpfen. Im Laufe der nächsten sechs Jahre führte Bach hunderte von Behandlungen an teilweise schwer kranken Kindern durch – ohne jede medizinische Ausbildung. Über einhundert Kinder verstarben unter der Pflege von SHC, die diese Tode so lange wie möglich zu verschleiern versuchten. Einige Eltern der verstorbenen Kinder erheben nun Klage, sowohl gegen SHC als auch gegen Renee Bach. Unterstützt werden sie dabei von der ugandischen Organisation „No White Saviours“, die aktiv gegen Problematik der White Saviours vorgeht und sich für anti-rassistische Entwicklungsarbeit einsetzt.

Zwar nicht gefährlich für das Leben, sehr wohl aber für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sind auch jene Projekte, die sich vorrangig mit Kinderbetreuung oder Bildung beschäftigen. Nicht selten kommen die vermeintlichen Helfer selbst mit bloß gebrochenem Englisch in ihrem Zielland an und geben dieses ohne jede pädagogische Ausbildung an die Kinder weiter. Bei der Arbeit in Waisenhäusern oder anderen Kinderbetreuungseinrichtungen kommt auch der oft komplexe mentale Gesundheits- und Entwicklungszustand der Kinder hinzu, der bei unausgebildeten Betreuungspersonen leicht zur Überforderung und fraglichen Erziehungsmethoden führen kann. Letztlich stellt sich auch die Frage, wie förderlich monatlich wechselnde Bezugspersonen für Kinder sind, die ohnehin in instabilen Verhältnissen leben.

Die richtigen Schritte

Was kann man also tun, um wirklich etwas zu verändern? Nun, zuerst einmal sollte jeder bei sich selbst beginnen. Das eurozentrische Weltbild, das in vielen Köpfen tief verankert ist, hat ausgedient. Solange wir die europäische Kultur als überlegen ansehen, fördern wir aktiv rassistisches Gedankengut. Weiters ist es längst an der Zeit, unsere Perspektive auf den afrikanischen Kontinent verändern. Wer nach Assoziationen zu Uganda oder Nigeria gefragt wird, sagt selten etwas anderes als Armut und Trockenheit – eine tragisch kurze, unvollständige und beleidigende Liste. Weiters zählt die Motivation der Helfenden. Wer noch nie in der städtischen Suppenküche ausgeholfen hat, sich aber zu Freiwilligenarbeit in Ghana berufen fühlt, sollte hinterfragen, ob die eigenen Motive wirklich so selbstlos sind, wie sie nach außen hin wirken.

Um dennoch unseren Beitrag zu den weltweit existierenden Problemen zu leisten, ist die Förderung von Projekten und Spendenaktionen, die vor Ort agieren, der richtige Schritt. Direkte Geldflüsse in die zu fördernden Communities stellen sicher, dass die eigentlichen Empfänger anstatt deren Mittelsmänner profitieren.

Die Lösung heißt externe Hilfe zur Selbsthilfe – ganz ohne weiße Retter und Abhängigkeitsverhältnisse. Doch solange sich Schecks nicht so fotogen präsentieren lassen wie glückliche Kindergesichter, ist es bis dahin wohl noch ein weiter Weg.

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