Folge uns

Politik

Wie wird man US-Präsident?

Caroline Bischof

Veröffentlicht

am

Foto: Michael Vadon

Der US-Wahlkampf geht in die letzte Runde, beide Kandidaten kämpfen verbissen um unentschiedene Stimmen. Das Mehrheitswahlrecht der Vereinigten Staaten führt dazu, dass nur wenige Stimmen den Wahlausgang entscheidend beeinflussen können. Doch wie wird der Präsident eigentlich gewählt?

Anders als in Österreich wird der Präsident nicht direkt vom Volk gewählt, sondern indirekt durch die Wahlleute im sogenannten Electoral College. Sie werden alle vier Jahre vom Volk gewählt und stimmen über die Ernennung von Präsident und Vizepräsident ab.

Historische Hintergründe

Entstanden ist dieses System schon im Jahr 1787 während des Verfassungskonvents der Vereinigten Staaten, bei dem die Funktion des Electoral College im 2. Artikel der Verfassung festgelegt wurde. Zu dieser Zeit wäre ein direktes, nationales Mehrheitswahlrecht bedingt durch die Größe des Landes und die schwierige Kommunikation logistisch unmöglich gewesen. Zunächst bestimmten die Parlamente der Staaten die Wahlleute, später forderte die Bevölkerung mehr Mitspracherechte und das System des indirekten Mehrheitswahlrechts in seiner heutigen Form war geboren.

Besonders profitierten davon die bevölkerungsmäßig kleineren Staaten, die so mehr Macht erhielten als bei einer nationalen Wahl. Auch die Südstaaten wurden bevorzugt, nachdem die Anzahl der Wahlmänner pro Bundesstaat damals strikt nach der Bevölkerungszahl zugeteilt wurde. In diesen Bundesstaaten war ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung Sklaven, die zwar nicht wahlberechtigt waren, aber bei der Volkszählung als Drei-Fünftel-Person gezählt wurden.  

Popular Vote vs. Electoral College

Funktion des Electoral College

Am Wahltag wählt die Bevölkerung die sogenannten Wahlleute in ihrem Bundesstaat. Sie treten dann 41 Tage später als Electoral College zusammen und wählen Präsident und Vizepräsident in getrennten Abstimmungen. Um die Wahl zu gewinnen, benötigt man eine absolute Stimmenmehrheit von 270 der insgesamt 538 Wahlleuten. Sollte es bei der Abstimmung des Electoral College zu einem Stimmengleichstand kommen, ist auch dafür vorgesorgt: Der 12. Zusatzartikel zur Verfassung regelt, dass dann das neu gewählte Repräsentantenhaus über die Besetzung des Präsidentschaftsamtes entscheidet.

Jeder Bundesstaat entsendet zwischen drei und 55 Wahlleute, wobei die Anzahl lose mit der Bevölkerungszahl zusammenhängt. Sie basiert auf der Anzahl der Vertreter, die ein Bundesstaat in beiden Häusern des Kongresses zusammen hat. Praktisch bedeutet das, dass die Anzahl der Einwohner, die eine Wahlperson vertritt, stark variieren kann. Zusätzlich gilt in 48 der 50 Bundesstaaten das „Winner-takes-it-all“ Prinzip, wonach die Stimmen der Wahlleute nicht proportional zum Wahlergebnis verteilt werden, sondern der gewinnende Kandidat alle Wahlleutestimmen erhält. Das gibt speziell den Swing-States ihre große Bedeutung. Der Wahlausgang in diesen Bundesstaaten ist meist knapp, trotzdem erhält der Gewinner viele Stimmen auf einen Schlag.

In etwa der Hälfte der Bundesstaaten sind die Wahlleute gesetzlich an die Entscheidung der Wähler gebunden, in den anderen ist es ihnen auch möglich, gegen den Wählerwunsch abzustimmen. Praktisch kommen diese sogenannten „faithless electors“ jedoch selten vor.

Das Wahlsystem durch das Electoral College ist auch der Grund, wieso ein Präsidentschaftskandidat ohne Stimmenmehrheit des Volkes die Wahl gewinnen kann. Das war zum Beispiel 2016 der Fall, als Donald Trump Präsident wurde, obwohl die demokratische Kandidatin Hillary Clinton mit 2,9 Millionen mehr Stimmen das Popular Vote für sich entscheiden konnte.

Vor dem Hintergrund dieser komplexen Wahlordnung und den zahlreichen Einflussfaktoren rund um das Electoral College bleibt der Wahlausgang wohl bis zur letzten Minute spannend. Wenn die Präsidentschaftswahlen 2016 eines gezeigt haben, dann ist es die Unberechenbarkeit des amerikanischen Wahlsystems.

Weiterlesen
Kommentieren

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Politik

Analyse am Tag danach | YNA US-Wahl 2020

YNA

Veröffentlicht

am

von

Biden wahrscheinlich nächster US-Präsident

YNA US-Politik Experte Max Janka, YNA Redakteur Elias Reis und YNA Herausgeber Antonio Morelli analysieren die Ergebnisse der US-Präsidentschaftswahl 2020, besprechen die wichtigsten Themen in den Vereinigten Staaten und geben einen Ausblick auf die nächsten vier Jahre US-Präsidentschaft.

Dieses Interview wurde am 4. November 2020 aufgezeichnet.

Weiterlesen

Politik

Live-Ticker: DIE WAHLNACHT | YNA US-Wahl 2020

YNA

Veröffentlicht

am

von

Foto: YNA Montage

Die USA wählen heute ihren zukünftigen Präsidenten. Mit dem YNA WIENWAHL 20 Live-Ticker bleiben Sie stets informiert. Max Janka (mj), Elias Reis (er) und YNA Herausgeber Antonio Morelli (am) halten Sie auf dem aktuellsten Stand und tickern über den Wahlverlauf und die Ergebnisse der heutigen Wahlnacht.

Weiterlesen

Politik

Gespräch mit Max Janka | YNA US-Wahl 2020

YNA

Veröffentlicht

am

von

YNA US-Politik Experte Max Janka ist zu Gast bei YNA Herausgeber Antonio Morelli und erklärt das Wahlsystem der Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten. Außerdem analysiert er den vergangenen Wahlkampf der beiden Kandidaten Trump und Biden und erläutert, was der Wahlausgang für die USA bedeuten könnte.

Dieses Interview wurde am 30. Oktober 2020 aufgezeichnet.

Weiterlesen

YNA Newsletter

Anzeige

Politik

Facebook

Wissenschaft

Sport

Unterhaltung

Archiv

Dezember 2020
M D M D F S S
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
Anzeige

Beliebt